Brief von Boris Sieverts
Sehr geehrte Mitglieder des Rates der Stadt Köln, sehr geehrte Presse in Kopie,
vielen Dank für die kurzfristigen Änderungen zum Beschluss den Umzug des Museum Selma betreffend, über den Sie auf der vergangenen Ratssitzung getagt haben. Mit diesen Änderungen bleibt die Tür für das Museum Selma in Kalk wenigstens einen Spalt breit geöffnet. Alles andere wäre nicht nur für Kalk und das Museum Selma eine sehr schlechte Nachricht gewesen, sondern auch ein unnötiger Schnellschuss angesichts offenbar noch nicht vollständig ausgeloteter Alternativen bei der Umsetzung des Projekts in Kalk einerseits und einer noch gar nicht begonnenen öffentlichen Debatte über die Finanzierung des Museums andererseits.
Ich beginne mit der Finanzierung:
Am Neumarkt wäre das Museum Selma nur ein “Ausstattungselement”, das die städtische Realität nicht nachhaltig verändert. In Kalk hingegen verändert es, mit seiner doppelten Funktion als Ankerprojekt der Hallen Kalk und als Leuchtturmprojekt für den Stadtteil und den gesamten Stadtsektor, maßgeblich ein Stück städtische Realtität - in einem Maße, wie das sonst nur teure Infrastruktur- und Großprojekte wie U-Bahnen, ICE-Haltepunkte, Autobahnanschlüsse, die Anlage großer, zentraler Parks etc. können. Mit solchen Projekten muss man die 33 Mio (oder meinetwegen auch die 77 Mios) in Relation setzen! Angesichts dessen wäre Köln wirklich gut beraten zu sagen: “Es ist ärgerlich, dass es jetzt teurer wird, aber wir machen das trotzdem, weil die Verhältnismäßigkeit weiterhin gegeben ist!”
Dazu muss man auch sagen, dass das Museum Selma in Kalk die Stadt bislang kaum etwas gekostet hat. Selbst die Betriebskosten (20 Mio. Euro in den ersten 10 Jahren) übernimmt das Land! Es würde für die Stadt also nicht teurer, sondern es würde jetzt erst überhaupt anfangen, sie einen nennenswerten Betrag zu kosten! Mit der Weigerung, zur Deckung der zusätzlichen Kosten beizutragen, würde Köln sagen: “Hübsches Projekt, dieses Migrationsmuseum, aber nur, wenn es uns nichts kostet!” Das ist weder dem Projekt angemessen, noch entspricht es dem, wofür Köln als weltfoffene Stadt steht! Das absolute Minimum des städtischen Engagements für das Museum SELMA im Kalk ergibt sich aus den 8,1 Mio. Euro, die die Stadt 2018 vom Land für die Sanierung der Hallen am Ottmar-Pohl-Platz erhalten und dann “umgeschichtet” hatte. Ihr “Bekenntnis zum Kulturstandort Kalk”, mit dem sie diese Zweckentfremdung seinerzeit betitelt hatte (siehe Anhang), kann sie jetzt einlösen!
Ebenfalls zu den Finanzargumenten zählt der Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz: Die großartigen ehemaligen KHD-Hallen 70 und 71 sollen bestehen bleiben. So sieht es der städtebauliche Rahmenplan vor, der das Ergebnis eines aufwendigen und von vielen Kalkerinnen und Kalkern mitgetragenen Werkstattverfahrens ist. Wenn das Museum Selma nicht in die Halle 70 einzieht, wird die Stadt also trotzdem einen erheblichen Betrag in die Hand nehmen müssen, um die Halle zu erhalten, und der kommt dann voraussichtlich weder vom Bund noch vom Land, sondern den muss die Stadt dann selber aufbringen. Wenn Köln glaubt, mit der Weigerung, die Mehrkosten für das Museum Selma in Kalk zu übernehmen, würde die Stadt Geld sparen, ist das also eine Milchmädchenrechnung: Die Stadt “spart” sich jetzt die 33 Mios für das Museum, um dann später einen Betrag, wahrscheinlich in ähnlicher Größenordnung, rein für den baulichen Erhalt in die Hand zu nehmen - und da hat sie noch gar keinen Inhalt!
Auch der Erhalt und Umbau der benachbarten Halle 71 (“Freilufthalle”) wird etwas kosten. Wie will die Stadt dafür jemals Fördergelder (z.B. aus Mitteln der Städtebauförderung) bekommen, wenn diese Halle durch den Wegfall des Museum Selma, dessen Entree sie ja auch bilden sollte, völlig haltlos in der Gegend hängt?
Dieses Verhalten wäre finanzpolitisch also völlig irrational. Es machte nur Sinn, wenn man unausgesprochen darauf spekuliert, all dies eines Tages abreißen zu können! Eine solche Agenda war für die Hallen am Ottmar Pohl-Platz (Hallen 75, 76,77) ja bereits einmal publik gemacht worden. Zwar wurde sie nach öffentlichem und politischem Druck offiziell wieder zurück genommen, aber an den seitdem erfolgten (bzw. nicht erfolgten) Vorgängen lässt sich deutlich ablesen, dass sie weiterhin die (unausgesprochene) Richtschnur des städtischen Handelns bildet. Auf Sonntagsreden à la “Das ist ein herber Rückschlag für Kalk, umso mehr kann sich der Stadtteil darauf verlassen, dass wir ihn nicht hängen lassen” können wir deshalb getrost verzichten.
Jetzt zu den Spielräumen bei der Umsetzung:
Wenn es möglich ist, das Museum Selma am Neumarkt auf ein Fünftel seiner Größe zu schrumpfen, dann sollte es erst recht möglich sein, das Projekt in Kalk (vorläufig) auf die Hälfte (38 Mio) und wenn es sein muss noch weiter zu schrumpfen und damit locker im Budget (44 Mio) zu bleiben. Ein verkleinertes, aber selbständiges Museum Selma in Kalk mit der Option auf eine Vergrößerung in besseren Zeiten wäre allemal besser als eine bei anderen Museen dazugequetschte “Dauerausstellung” am Neumarkt. Die Struktur der langgestreckten Halle 70 mit ihren seriellen Tragwerksegmenten legt einen abschnittweisen Ausbau durchaus nahe.
Ebenfalls immenses Einsparpotenzial würde eine Rückbesinnung auf die Grundidee einiger Beiträge aus dem Architekturwettbewerb von 2025 enhalten: Ihre naheliegende Idee, die Halle nicht als vollwertigen Ausstellungsraum auszubauen, sondern weitgehend roh zu belassen, mit den eigentlichen Ausstellungsräumen als Einbauten, ist so naheliegend wie kostensparend. Ich zitiere aus dem Entwurf des 2. Preisträgers, Staab Architekten: “Da sich die prägnante Hallenstruktur von 1913-1916 aufgrund ihrer Größe und Konstruktion nicht mit vertretbarem Aufwand an die heutigen klimatischen Anforderungen anpassen ließe, interpretieren wir sie als Witterungsschutz mit leicht temperiertem Zwischenklima, in dem Räume mit höheren Klimaanforderungen nach dem Haus-im Haus-Prinzip ergänzt werden (…) Die Entscheidung, die Bestandshalle nur moderat zu temperieren, machte eine ressourcen-, zeit- und kostensparende Lösung möglich, die den historischen Charakter der Halle erhält.” (https://www.staab-architekten.com/de/projects/5411-migrationsmuseum-selma-koln?a98670ebeefac7e9b6111eb444da13ba=5rpjajhmhnav9ecbjjlnd6ng44)
Auch der Wettberwerbsbeitrag des 3. Preisträgers, facts and fiction aus Köln, gemeinsam mit der dänischen Architektin Dorte Mandrup, beruht auf dem gleichen Prinzip: https://www.factsfiction.de/de/projekte/museen-und-ausstellungen/selma-konzept
Warum sich die Jury 2025 ausgerechnet für denjenigen Entwurf entschied, bei dem durch den Ausbau der eigentlichen Hallenstruktur zu einem den aufwändigen Anforderungen an ein Museum genügenden Bauwerk beträchtliche Kostensteigerungen von Anfang an absehbar waren, bleibt ihr Geheimnis und vielleicht auch dasjenige der Fördergeber, die hier maßgeblich mitentschieden.
Fazit: Ich bin überzeugt: Wenn alle an einem Strang ziehen, indem
- die Stadt Köln sich ihrer Verantwortung, aber auch ihrer “Sowiesokosten” bewusst wird und sich erstmals finanziell am Museum Selma beteiligt und indem
- die Umsetzung des Museum Selma in Kalk so angepasst wird, dass sie eben nicht unmöglich, sondern möglich gemacht wird
dann hat das Museum Selma in Kalk eine Zukunft, und zwar eine leuchtende!
Den gesellschaftlichen Schaden, den das Scheitern des Museum Selma in Kalk bedeuten würde, hat Hubert Spiegel in der FAZ vom 23.3. sehr treffend beschrieben:“Fast jeder dritte Deutsche hat einen persönlichen oder familiären Migrationshintergrund. Wenn Politiker, ob in Köln oder anderenorts, glauben, ein bundesweites Museum für die Geschichte der Einwanderung sei eine Marginalie, eine Art Hinterzimmer-Bespaßungsprojekt für eine Randgruppe, das man im Zweifel ins alte Völkerkundemuseum stopfen kann, dann wissen sie nichts über das Land, in dem sie leben.”
Diese Einschätzung teilt auch die neu gegründete Initative “Museum SELMA bleibt!”, deren Pressemitteilung Sie im Anhang finden.
Mit besten Grüßen,
Boris Sieverts (https://neueraeume.de/)